Gestern habe ich nun die letzte Folge der 3. Season von Star Trek: Enterprise schauen können. Ein Bekannter war vor kurzem in den USA und hat ein paar Aufnahmen mitgebracht, die wir uns in den letzten Tagen angeschaut haben.
Echte Star-Trek Fans werden es mit dieser neuesten Inkarnation der Abenteuer des Raumschiffs Enterprise in den Weiten des Alls schwer haben, verlassen die 24 Folgen doch das bekannte Terrain der vorherigen Abenteuer in TOS, TNG, DS9 und VOY. Es wird gekämpft, eine Menge! gekämpft, gemordet, geraubt und die Zwecke heiligen nicht nur bei G.W. Bush die Mittel, sondern neuerdings auch im Roddenberry-Universum.
Wer keine Spoiler lesen will, braucht jetzt nicht weiterzulesen, ich werde zwar keine Details bekanntgeben, aber … ihr seid gewarnt ;-)

Am Ende der zweiten Season in der Folge “The Expanse” konnten wir sehen, wie die Erde durch eine mysteriöse Kugel (engl: “Probe”) angegriffen wurde und 7 Millionen Erdenbürger in den Tod riss. Nach viel Palaver, Betroffenheit, Wut und Rachegefühlen stellte sich heraus, dass die Xinti (engl., gesprochen wie “Sindi”) für diesen heimtückischen Überfall verantwortlich waren und dies nur eine Warnung gewesen ist. Die Xinti entwickeln nämlich eine noch viel grössere Waffe, die die gesamte Erde vernichten soll. Die Xinti, die seit Jahrzehten von den Guardians (Wesen aus der Zukunft) beschützt und geleitet werden, haben von diesen nämlich erfahren, dass die Menschen in 400 Jahren die Xinti ausrotten und vernichten werden. Und die einzige Möglichkeit der Xinti sich zu verteidigen, ist die Menschheit zu vernichten. Captain Archer und seine Crew werden nun auf DIE MISSION geschickt, die Waffe zu finden und zu vernichten … um jeden Preis.
Diese MISSION zieht sich über die ganze Staffel hin. In bester Babylon 5 Manier beherrscht dieses Thema alle Folgen der 3. Season und je länger die Season wurde, desto mehr gingen die Stories der einzelnen Episoden ineinander über. In TOS gab es pro Folge eine einzelne Geschichte. In TNG gab es ab und zu einen Zweiteiler. Und mit dem Erfolg von Babylon 5 entwickelte sich auch DS9 zu einer grossen alles umspannenden Geschichte. In dieser Hinsicht ähnelt Enterprise jedenfalls immer mehr Babylon 5.
Wie oben schon erwähnt werden die echten Trekkies sich enttäuscht von Enterprise abwenden. War doch schon Deep Space 9 für die meisten zu düster. Und “Enterprise” wird noch viel düsterer: Kämpfe, Blut, Streitereien unter den Führungsoffizieren. Das gab es in dieser Form und Menge in Star Trek bisher nicht.
Zudem kommt hinzu, dass man der 3. Season anmerkt, dass sie nach 11.9.2001 entstanden ist. Die ganze Story – bösartige Aliens überfallen plötzlich die gute Menschheit und drohen sie zu vernichten, weshalb ein Kriegsschiff geschickt wird um die ultimativ böse Waffe zu zerstören – erinnert frappierend an reale Ereignisse. Captain Archer und seine Crew werden im Laufe der 24 Folgen so manches Prinzip über Bord werfen, um DIE MISSION nicht zu gefährden, die MISSON entwickelt sich zu einem quasi-religiösen Feldzug für das Wohl der Menschheit, dem alles unter geordnet wird.
Ein Mörder als Captain, eine drogenabhängige 1. Offizierin, ein kritikunfähiger Führungsoffizier und ein beinharter militärischer Befehlshaber bilden die Crew der Enterprise, die sich am Ende sogar als Piraten betätigt, um die Menschheit zu retten. Wann gab es das schonmal bei Star Trek?

Die einzelnen Folgen selbst sind durchaus interessant, auch wenn ähnliche Geschichten schon in anderen Star Trek Folgen behandelt wurden. Aber das ist auch kein Wunder bei inzwischen in die hunderten gehenden Star Trek Geschichten. Was mich aber am meisten stört, ist dass Zeitreisen inzwischen gang und gäbe sind. Sprach Mr. Spock in Star Trek IV noch von einer theoretischen Möglichkeit der Zeitreise und waren die Vulkanier in den ersten beiden Seasons von Enterprise noch der Meinung, dass Zeitreisen absolut unmöglich sind, kommt das inzwischen wirklich viel zu oft vor. Und das mieseste daran ist, dass sich zu wenig mit den Folgen von Zeitreisen auseinandergesetzt wird: Änderungen an der Zeitlinie in der Vergangenheit ziehen ganz offensichtlich keine sofortigen Folgen in der Zukunft nach sich :-O : Was ist, wenn mich mein eigener Enkel tötet, den ich gezeugt habe, als ich in die Vergangenheit katapultiert wurde? Was passiert mit Nachkommen von Menschen, die ich in der Vergangenheit töte? Wird die Geschichte dadurch verändert? All das passiert in der 3. Season, aber es passiert einfach, ohne weitere Auswirkungen.

Im Grossen und Ganzen ist diese Season gute Unterhaltung und eine angenehme Abwechslung zu den sterilen zwischenmenschlichen Beziehungen wie sie noch bei Star Trek: TNG gang und gäbe waren. Dort durfte nur Riker ein schüchterner Frauenheld sein, der ein bisschen mit Deanna Troi anbandeln durfte. Nachdem es aber schon bei DS9 heftiger unter den Besatzungsmitgliedern zuging, macht Enterprise in dieser Beziehung einen Quantensprung. Die Geschichten wirken so wesentlich menschlicher und realer, auch wenn es natürlich eine Science-Fiction-Serie bleibt, in der es von Fehlern nur so wimmelt.
Das Ende der letzten Folge wird übrigens mit einem Cliffhanger abgeschlossen, der die ganze Düsternis und Ernsthaftigkeit der Season (ganze Menschheit steht vor der Ausrottung etc. pp.) ad absurdum führt. Wie die Macher von Star Trek dies auflösen werden, darauf bin ich gespannt … bis zum Herbst, dann geht die 4. Season los.

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